Klassenportrait 2021/22

In meiner künstlerischen Praxis gehe ich der Frage nach, wie meine Persönlichkeit und Identität durch Erziehung, Familie und Bildung, also von unserer Gesellschaft geformt und beschrieben wurde bzw. wird – und wie ich damit persönlich umgehe.
In ihrem Science-Fiction-Roman „Die linke Hand der Dunkelheit“ beschreibt Ursula K. Le Guin eine menschliche Gesellschaft in einer fernen Welt ohne fixes soziales und biologisches Geschlecht. Es gibt keine Geschlechterdefinitionen und keine daraus beschreibenden Dualismen. Le Guin erzählt von daraus möglich resultierenden Sozial- und Machtstrukturen. Ich frage mich: Was wäre, wenn wir uns kategorisierenden Dualismen – wie zum Beispiel gleich und anders, gesund und krank, schön und hässlich, mann und frau – entziehen könnten? Wie würden wir uns definieren und unsere Identität finden? Wie würden wir unser Selbst beschreiben?


Anhand meiner alten Schulklassenfotos suche ich in meiner Malerei nach Antworten. Inspiriert von Marlene Dumas’ Schulklassenportraits von 1987 arbeite ich aktuell an der Serie „Klassenportrait“: Ich zeichne mit Grafit auf Baumwolltuch, Holz und Papier. Anschliessend abstrahiere ich mit Tinte und Acrylfarbe lasierend in mehreren Schritten. Dabei interessiert mich der „vage“ Raum zwischen Figur und Abstraktion, das Experiment mit Farbe und ihr Auftrag auf verschiedene Materialien.
So, wie Le Guin Science-Fiction die Möglichkeit bietet, persönliche Wahrheiten zu beschreiben, erlaubt mir die Malerei den Versuch, im Verschwommenen und Undefinierbaren ein fluides Selbst zu finden, das sich gegen die Abgrenzung durch beschreibende Dualismen wehrt.