Auszug aus der Rede von Max Christian Graeff anlässlich der Midissage am 28. Juli 2018, Kunst im Dolder Bad 2018

" ... Unspektakulär und lapidar scheinen die Bilder von Kerstin Wittenberg nur auf den ersten Blick; so einfach sie zu funktionieren scheinen, desto tiefgründiger werden sie, sobald man sich ein paar Blicke mehr für sie nimmt. Die Thematik ist absichtlich nicht hochkomplex und am ureigenen Interesse der Künstlerin aufgehängt, die Verbindungen von Mensch und Natur zu untersuchen, wobei diese Formulierung ja schon vieles sagt. Auch wir waren einmal Teil dieser Natur, die wir heute abgrenzen oder von der wir abgegrenzt werden, ausser wir stünden nicht hier, sondern in letzten verschwindenden Zonen, in denen Begriffe von Kunst und Kultur noch gar nicht nötig sind. – Nach einem Wirtschaftsstudium und noch tief in der Arbeitswelt in Sektoren der Kommunikation entschied Kerstin Wittenberg sich zum freien Malen, und das grosse Thema in aller Einfachheit war vermutlich bereits gefasst oder sogar Grund für diesen Weg. In ihren Arbeiten auf Holz sehen wir ein naturalistisches Eindringen in natürliche Substanzen und Lebensprozesse und zugleich ein Erkunden der Möglichkeiten, mit Werkzeugen das organische Material so zu beschichten, dass ein Durchdringen entsteht, ein Bild als scheinbares Lebewesen mit jener virtuellen Reduktion und Authentizität, die zum Beispiel in der klassischen japanischen Zeichnung zu finden ist. Hier werden die Arbeiten auf Holz gezeigt, auf einem familiär naheliegenden Werkstoff, und es sind allesamt Abbilder einer generierten Natur, nämlich jene der hier gattungsmässig abgegrenzten Menschen in meist unspektakulären Situationen. Alltag allerortens also auch hier, aber aufs Holz gebracht wird dieser zum betrachtenswerten Moment. Es ist ein erkundendes Durchdringen von Natur und Gesellschaft, von materieller und mentaler Maserung, von Verwitterung und Festhalten, wobei hier eben der Bildträger wittert, anders als bei den „Forgotten Foods“. Zugleich ist es ein Aufbegehren gegen die Entfremdung des Durchentwickelten, zum Beispiel des Digitalen, und eine Suche nach Möglichkeiten, das zwangsläufig durch unsere Existenz zu Zerstörende doch bewahren zu können. Vielleicht ein vergebliches Unterfangen, aber wo kommen wir hin, wenn selbst dieses zum Erliegen käme? Alles würde noch viel schneller gehen...."

Text: Max Christian Graeff, mcgraeff@wtal.de